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Ayumi Rahn, 2025

Ein Taubenpaar besuchte mich jeden Tag. Es dauerte Jahre bis sie sich in meine Wohnung wagten. Sie hüpften zaghaft vom Fensterbrett und gaben vor, nach Körnern zu suchen, pickten auf dem Boden herum und durchkämmten dabei argwöhnisch die Wohnung. Sie nahmen Bäder in meiner Spüle, nickten mir zu, flatterten davon und hinterließen ihren Dreck. Gerne wäre ich mitgeflattert, aber konnte nicht und blieb in der Wohnung. Das wurde mir zum Verhängnis, denn irgendwann begann ich, mich in meine Wohnung auszudehnen.

Es folgten Wochen, die mir verschwommen in Erinnerung blieben. Als ich die Wohnung bis in alle Ecken ausfüllte, konnte ich sie nicht mehr verlassen, beherrschte inzwischen aber die Taubensprache. Die Tauben erzählten, sie seien über einen Brunnen geflogen, in den ein Schwein gefallen sei. Das Schwein hätte das das Brunnenloch übersehen, sei aber nicht verletzt. Vorbeigehende hätten Mitleid und würden Futter in den Brunnen werfen. Auch die Tauben ließen ab und zu eine Nuss hineinfallen.
Wenige Tage später erklärten sie, das Schwein hätte sich in den Brunnen ausgedehnt und dessen viereckige Form angenommen. Gerne hätte ich einen Blick in den Brunnen geworfen, aber das war nicht möglich.

Ich beschloss, ihr Gerede zu ignorieren, bis sie eines Tages anflatterten und hektischer als sonst nach Körnern pickten. Sie wackelten mit den Köpfen und rückten schließlich damit heraus: Das Schwein sei nun durchsichtig. Nahezu transparent. Ich hatte an mir eine ähnliche Tendenz festgestellt. Mein Körper verdeckte inzwischen die Fenster, und dennoch war es nicht vollkommen dunkel in der Wohnung.
Das Schwein sei inzwischen zur Attraktion geworden. Die Tauben schilderten anschaulich, wie sich das Licht im transparenten Schweinekörper bräche, wunderschön. Den Umständen entsprechend ginge es dem Schwein ganz gut. Daraufhin schwiegen wir, und ich spürte, wie sie sich einen Kommentar zu meiner transparent schimmernden Haut verkniffen.

Die zunehmende Transparenz meines Körpers störte mich nicht. Es entstanden faszinierende Lichtspiele, wenn sich Sonnenstrahlen in meinem Körper brachen wie in einem Prisma.
Während die Tauben unterwegs waren, blieb ich mit meinen Pflanzen zurück, die den wenigen Platz um mich herum ausfüllten. Diese hatten nicht nur unter der zunehmenden Enge gelitten, sondern auch unter der Dunkelheit. Es freute mich, als ich feststellte, dass ihnen meine Transparenz zugutekam.

In der Lücke zwischen meiner linken Schulter und der Zimmerwand wuchsen Lithops aus Südafrika. Die Triebe von Dioscorea elephantipes kletterten mein linkes Bein entlang. Die Monstera deliciosa aus Südamerika breitete ihre Blätter zwischen meinen Oberschenkeln aus. Persea americana aus Mexiko wuchs hinter meinem Rücken und neben meinem Kopf, Ficus retusa aus dem Malaiischen Archipel zwischen meinen Brüsten und das Epiphyllum rankte sich um meine Beine und um meine Hüfte. Begonie corallina wucherte in meiner Achselhöhle, wo ihre roten Blätter durch die vielen Lichtbrechungen nur so funkelten, und Aeonium arboreum breitete sich hinter meinem rechten Fuß aus. Adansonia digitate aus dem Senegal massierte mit ihren aus fünf Einzelblättchen zusammengesetzten Blättern sanft meine Kopfhaut.

Die Pflanzen in meiner Wohnung stammten von weit her. Sie waren geübt darin, sich an fremde Umstände anzupassen. Mit meiner zunehmenden Transparenz tasteten sie sich nun langsam in meinen Körper hinein. Es war längst nicht mehr dunkel in mir.
Hoya Kerrii aus Laos wuchs durch meinen Mund hinab in meinen Hals. Wenn ich den Kiefer bewegte, passierte es, dass ein Blatt oder ein Stängel abbrach, woraufhin sie mit weißer, bitter schmeckender Flüssigkeit reagierte. Ihre wächsernen Blumen blühten in meiner Mundhöhle wie unter einer gläsernen Kuppel.

Der Ficus elastica aus der Familie der Moraceae war bis in meine Gebärmutter gewachsen. Wenn ich mich bewegte, oder meinen Beckenboden anspannte, brachen seine Blätter mit einem leisen Knacken. Die abgebrochenen Stängel wuchsen weiter oder starben ab und verströmten dabei einen süßlichen Duft. In meinem Darm wuchs Pilea peperomioides aus China. Anfangs war mir das unangenehm, aber bald war ich hingerissen von ihren runden Blättern, die unter meiner Bauchdecke sichtbar wurden. Sie tasteten sich entlang meiner Darmwindungen, in denen das Licht schimmerte.

Selenicereus grandiflorus und Selenicerus pfteranthus wuchsen in mich hinein und wieder aus mir heraus. Ohne zu zögern drängten sie Hautfalten und Fleisch beiseite und umwickelten andere Pflanzen. Sie zwängten sich in Ritzen und Spalten meines Körpers, von denen ich noch nichts geahnt hatte.

Die filigranen Tiebe von Rhipsalis baccifera aus Madagaskar verflochten sich mit meinen Haaren. Ich spürte, wie sie Kontakt aufnahmen, sich gegenseitig umschlangen und meine Haare wie transparente Luftwurzeln in einer Umarmung umfassten. Ich fühlte nicht, wo meine Haare endeten und die Rhipsalis baccifera begann. Aber gerade dieses Nicht-Fühlen war ein umso intensiveres taktiles Erlebnis. Währenddessen hatte sich Rhipsalis crispata an Hoya Kerrii vorbeigeschlängelt, um meine Zunge gewunden und tastete sich entlang meiner Stimmbänder. Sie umwickelte und umschloss sie, so dass ich nicht mehr hätte sprechen können, selbst wenn ich gewollt hätte.

Disocatus anguliger aus Mexiko war mir beidseitig in die Ohren gewachsen. Bald spürte ich, wie seine Windungen die meines Gehirns nachahmen und ausfüllen, bis ich nichts mehr wahrnahm, außer das sanfte Pulsieren aus dem Inneren der Pflanze. Überhaupt fragte ich mich, woher meine Gedanken kamen, bis ich erkannte, dass sie nur von den Pflanzen selbst stammen konnten.

Crassula aus dem südlichen Afrika, legte ihre fleischigen Blätter auf meine Stirn. Für eine lange Zeit, bis einige Blätter weich wurden, faulten, in meinen Kopf sickerten und starben, während zugleich neue Blätter wuchsen. Phyllanthus mirabilis aus Thailand thronte auf meinem Becken unter der Zimmerdecke. Sie schloss ihre Blätter bei Nacht und öffnete sie bei Tag. Inzwischen hatte sich mein Herzschlag verlangsamt, sodass ich die stillen Bewegungen der Pflanzen lebhaft wahrnahm, wie ein Flattern unzähliger Falter.

Und durch die Wolken, die ab und zu grell in der Sonne erstrahlten, fielen einzelne Strahlen in meine Wohnung, brachen immer wieder, fielen auf Lithops, Dioscorea elephantipes, Monstera deliciosa, Persea americana, Ficus elastica, Adansonia digitata, Pilea peperomioides, Hoya Kerrii, Ficus retusa, Epiphyllum, Begonie corallina, Aeonium arborerum, Selenicereus grandiflorus, Selenicerus pfteranthus, Rhipsalis baccifera, Rhipsalis crispata, Dichromats anguliger, Crassula, Phyllanthus mirabilis und auf den Boden des ansonsten leeren Raumes.