Kastanienregen
obāchan ie no nioi (der Geruch des Hauses meiner Großmutter)
Ayumi Rahn, 2022

Zeit verläuft nicht linear. Du beginnst in der Mitte und fängst an, dich von dort aus in eine Richtung zu bewegen. Es gibt keine flache Fläche, du bewegst dich nicht nur vorwärts oder rückwärts. Du bewegst dich inmitten eines mehrdimensionalen Raumes auf verschiedenen Ebenen. Jede Ebene spiegelt sich selbst wider und etwas Anderes. Je nachdem, wie du dich bewegst, von woher du kommst, siehst du etwas Neues, Altes, Vergessenes, und du vergisst etwas oder erinnerst dich an etwas, das nicht geschehen ist. Du fragst dich, wo das eine endet und das andere anfängt, aber es lässt sich nicht trennen.

Verschiedene Menschen gehen verschiedene Wege, gehen auf verschiedene Reisen zu verschiedenen Zeiten. Auf ihrer Reise haben sie kein Ziel vor Augen. Aber sie bewegen sich auf das gleiche Ziel zu. Ob sie sich dort treffen oder nicht, ist unerheblich. Es gibt keine mathematische Gleichung.

Die Erinnerung an das dunkle, einstöckige Haus auf dem damals noch großen Grundstück, auf dem meine Mutter aufgewachsen ist. Ich erinnere mich kaum. Ich sehe verschwommenes Dunkelbraun und etwas Grün. Weiteres erkenne ich auch mit zusammengekniffenen Augen nicht. Direkt daneben hat sich die Familie meiner japanischen Tante ein modernes Einfamilienhaus gebaut, hell und weiß, in dem wir wohnen, wenn wir zu Besuch sind.

Ich erinnere mich an den Taifun, der zwischen die hohen Bäume hereinbricht. Kastanien mit besonders langen Stacheln prasseln um mich herum zu Boden. Stacheln wie Zahnstocher. Kastanien, wie ich sie zuvor noch nicht gesehen habe, und nun schlagen sie links und rechts von mir auf der Erde auf. Ich bin noch recht klein und fliehe mit den Händen schützend über meinem Kopf. Von irgendwoher taucht eine ähnliche Erinnerung auf an faustgroße Hagelkörner im Englischen Garten, als uns nach einem Biergartenbesuch ein Unwetter überrascht. Ich bin etwa gleich alt. Eisbälle, Kastanien, die vom Himmel regnen.

Das Haus meiner Großmutter ist dunkel und riecht nach Altem, fast Moder. Feuchtigkeit, Keller, Schimmel. Dafür, dass der heiße Sommertag nicht weiter entfernt ist als eine dünne Wand aus Holz, ist es hier drinnen kühl. Der Boden ist nach traditioneller Art auf Stelzen gebaut. Holzdielen, wenige Zentimeter über der Erde. Darüber ein einfacher dunkelgrüner Teppich, altmodische Auslegeware, wie es sie in Baumärkten und Gartencentern zu kaufen gibt, ebenso gut für draußen geeignet. Ich erinnere mich an die Stellen im Boden, wo unter dem Teppich ein Brett fehlt. Morsch geworden, gebrochen. Der Teppich spannt sich über die Löcher. Wenn man darüber läuft, merkt man, dass man in ein Loch tritt, dass der Fuß gerade noch vom Teppich gehalten wird, der ein Stück nachgibt.
Ich bin mir sicher, dass das Haus meiner Großeltern nach dem Zeitpunkt der Erinnerung nicht mehr lange stand. Und der Großvater hat auch nicht mehr lange gelebt. Die Großmutter wohnte dann bis zu ihrem Tod in dem neuen Haus. Dort lag sie viele Jahre im Bett in einem hellen Zimmer im Erdgeschoss. Nach ihrem Tod wurde sie in dem Zimmer aufgebahrt, auf Eis und auf Blumen, und die Familie hat die Nacht mit ihr verbracht, getrunken, Knabbereien gegessen, viel gelacht, damit sich obāchans Seele nicht fürchtet und sich dazu ermutigt fühlt, die nächste Reise anzutreten.

Zum Zeitpunkt der Erinnerung aber wohnen die Großmutter und der Großvater noch in dem Haus mit dem Teppich, der sich über Löcher spannt und dafür sorgt, dass niemand in ihnen verschwindet. Das Haus ist umgeben von hohen Bäumen, aus deren Kronen Kastanien fallen und den erschlagen, der nicht aufpasst.
Das Alter hat den Großvater verrückt gemacht. Es heißt, verrückt war er immer gewesen. Als junger Mann hat er auf einem Handelsschiff angeheuert, um nicht in den Krieg zu müssen. In Hiroshima hat er die Großmutter gefunden, die dort Lehrerin war in einer Schule. Gemeinsam flohen sie vor der Familie der Großmutter, die nicht bereit war, die Ausländerehe zu dulden (geschweige denn anzuerkennen) aus der Stadt. Yokatta, denn genau auf die Schule wurde die Bombe geworfen am sechsten August und hat die Schüler getötet. Die Großmutter, die zuvor unehrenhaft mit dem Großvater Eltern und Stadt verlassen musste, aber nicht.
Die Großeltern zogen auf das Grundstück in der Nähe von Tokyo und wohnten dort, von den Nachbarn aufgrund der Ausländerehe und -liebe gemieden, an der sie jedoch festhielten, da sie ihnen das Leben gerettet hat. Das Grundstück war groß, am Rand von Feldern, wurde in den Jahren immer weiter halbiert, zu asphaltierten Parkplätzen und weiteren Häusern. Später wurde das moderne Einfamilienhaus gebaut, direkt neben das alte Haus, in dem meine Großmutter lebte, als mein Großvater noch lebte, der immer schon verrückt gewesen war. In dem Haus spannte sich ein Teppich über Löcher im Boden, es war dunkel, feucht, und während eines Taifuns hagelte es draußen Kastanien. Wer sich nicht zu schützen wusste, wurde getroffen und verletzt.

Ich sitze auf dem grünen Teppich. Gerade wurde mir verboten, absichtlich auf die Löcher zu treten, obwohl mir das besonders gefällt. Ich atme die dunkle Luft und halte Gegenstände in den Händen, aus Holz und aus Papier. Die klebrige Feuchtigkeit, die ich von draußen mitgebracht habe, trocknet kühl auf meiner Haut. Ich kann mich nicht erinnern! Habe ich die Sachen geschenkt bekommen? Soll ich damit spielen? Habe ich sie mir selbst genommen aus Neugier? Von draußen durch die Fensterscheiben treffen staubige Sonnenstahlen auf den dunkelgrünen Teppich und hinterlassen smaragdgrüne Flecken.

Der Großvater hat alles hinter sich gelassen, als er als junger Mann auf einem Schiff nach Japan reist, um nicht in den Krieg zu müssen. Ein großer, scharfkantiger Mensch aus Südtirol mit einer Sehnsucht nach großen Steinen, von denen er später einige in seinen japanischen Garten schaffen ließ. Mit dem Tod des Großvaters sind die Steine aus dem Garten verschwunden, von dem Schwiegersohn vergraben. Waren sie zu grob in der fremden Umgebung?

Den Großvater habe ich kaum kennengelernt. In dem Sommer hat er mich mit seinem Gebiss gejagt, dass er aus seinem Mund herausnahm, und das in seiner Hand eigenständig nach mir schnappte, unter den Bäumen, in denen auch nach dem Taifun noch Kastanien hingen, und die Hitze brannte.

Ayumi Rahn, 2022